Wohnen im Club: Wie Genossenschaftsmodelle die Wohnungsfrage neu denken
Die Wohnungsfrage ist in Deutschland ein Dauerbrenner – doch ein Modell, das seit Jahrzehnten funktioniert und doch oft übersehen wird, ist die Wohnungsgenossenschaft. Sie verbindet soziale Gerechtigkeit mit wirtschaftlicher Stabilität und bietet eine Alternative zu teuerem Einzelhandel oder Mietspiegel-Hochburgen. Während die Immobilienpreise in Großstädten weiter steigen, zeigt sich: Genossenschaften schaffen bezahlbaren Wohnraum, der nicht dem kurzfristigen Spekulationsdruck unterliegt. Doch wie funktioniert das genau? Und warum sind sie trotz ihrer Erfolge so selten im Bewusstsein der meisten Mieter:innen?
Wohnungsgenossenschaften sind rechtlich selbstständige Vereine, die Wohnraum gemeinsam erwerben, bewirtschaften und vermieten. Im Gegensatz zu klassischen Wohnungsbaugesellschaften gehören die Mitglieder direkt an der Entscheidung über die Wohnungsvergabe mit – oft nach Bedarf oder sozialer Priorität. Das bedeutet: Wer wenig Einkommen hat, hat bessere Chancen auf einen Wohnraum, als es bei privaten Vermietern der Fall wäre. Ein konkretes Beispiel: Die Genossenschaft «Wohnen für Alle» in Berlin hat seit ihrer Gründung 1998 über 1.200 Wohnungen geschaffen, davon 80 Prozent für Mieter:innen mit einem Nettoeinkommen unter 2.500 Euro. Das zeigt, dass Genossenschaften gezielt diejenigen unterstützen, die auf dem freien Markt kaum Chancen haben.
Ein weiterer Vorteil: Genossenschaften sind langfristig orientiert. Während private Vermieter:innen oft kurzfristig profitieren wollen, stehen Wohnungsgenossenschaften vor allem der sozialen Aufgabe gegenüber. Das führt dazu, dass sie keine Leerstandsrisiken eingehen, wie es bei Spekulationsobjekten der Fall ist. Ein aktuelles Beispiel ist die Genossenschaft «Haus am See» in München, die seit 2015 jährlich rund 50 neue Wohnungen für Familien mit Kindern baut. Die Mieten liegen hier bei durchschnittlich 800 Euro pro Monat – deutlich unter dem Münchner Durchschnitt von 1.500 Euro. Gleichzeitig investieren die Genossenschaften in energetische Sanierungen, was langfristig die Lebensqualität erhöht und die Energiekosten senkt.
Doch wie entsteht eine solche Genossenschaft? Meistens beginnt das Projekt mit einer Initiative von Mieter:innen oder lokalen Akteuren, die gemeinsam einen genossenschaftlichen Verein gründen. Die Mitglieder sammeln Kapital, kaufen das Grundstück und bauen oder kaufen die Wohnungen. Ein typischer Fall ist die «Wohnen im Grünen» in Hamburg, die 2018 ein 100-Wohnungen umfassendes Projekt realisierte. Hier wurden die Mieten so kalkuliert, dass sie die Betriebskosten decken, ohne dass die Mieter:innen überproportional belastet werden. Das Modell ist nicht nur wirtschaftlich tragbar, sondern auch politisch nachhaltig: Genossenschaften sind oft Teil von Stadtentwicklungsplänen, die bezahlbaren Wohnraum als öffentliche Aufgabe sehen.
- Wohnungsgenossenschaften besitzen über 1,5 Millionen Wohnungen in Deutschland – das entspricht etwa 5 Prozent des gesamten Wohnungsbestands.
- Seit 1990 hat sich die Zahl der Genossenschaftswohnungen in den Großstädten um über 300.000 Einheiten erhöht.
- Im Schnitt mieten Mieter:innen bei Genossenschaften 15–20 Prozent weniger als auf dem freien Markt.
- Genossenschaften investieren jährlich rund 500 Millionen Euro in energetische Sanierungen.
- In 2022 wurden über 10.000 neue Wohnungen durch Genossenschaften fertiggestellt – fast doppelt so viele wie von privaten Bauunternehmen.
Trotz dieser Erfolge bleibt das Thema Wohnungsgenossenschaften ein Nischenthema. Viele Mieter:innen kennen das Modell nicht, und Politiker:innen sprechen oft nur von «sozialer Wohnraumvergabe», ohne auf die genossenschaftliche Struktur einzugehen. Dabei wäre es eine einfache Lösung für die aktuelle Wohnungsnot: Genossenschaften könnten durch staatliche Förderung oder direkte Förderung von Genossenschaftsgründungen expandieren. Ein Beispiel hierfür wäre die Ausweitung des «Genossenschaftsbauprogramms» von 2018, das zwar erfolgreich war, aber zu wenig umgesetzt wurde. Wenn die Politik endlich versteht, dass Wohnen kein Luxus, sondern eine Grundversorgung ist, könnten Genossenschaften eine Schlüsselrolle spielen.
Für die Zukunft bedeutet das: Wohnen im Club – also im Sinne einer genossenschaftlichen Gemeinschaft – ist kein utopisches Konzept, sondern ein realisierbares Modell. Es verbindet ökologische, soziale und wirtschaftliche Aspekte und bietet eine Alternative zu den unhaltbaren Entwicklungen auf dem Wohnungsmarkt. Wer mehr über solche Projekte erfahren möchte, findet auf wonclub.de eine Übersicht über aktuelle Genossenschaftsprojekte und Tipps, wie man selbst eine Initiative gründen kann.